Senf

Empfehlungen von Informatikern

Man sollte sich hüten, sich mit Problemstellungen an Informatiker zu wenden. ›xkcd.com/974‹ deutet das Problem an, die Realität ist aber meiner Ansicht nach noch härter. Ich möchte versuchen, meine Vorstellung davon in den Ingenieursbereich zu übertragen.

Wendet man sich an einen Kollegen mit der Frage „Wo finde ich denn hier einen Kreuzschraubenzieher?“, dann hätte man gern einen Kreuzschraubenzieher um eine(!) Kreuzschraube anzuziehen. Die Größe wird schon ungefähr hinhauen. Ein Ingenieur reicht einem einen Kreuzschraubenzieher und die Größe haut ungefähr hin. Ein Informatiker nicht. (Über „Das heißt Schraubendreher!“ sehe ich jetzt mal hinweg. Anscheinend drehen Informatiker Schrauben nur, statt sie anzuziehen.) Wenn man Glück hat und einen Kollegen mit milde ausgeprägter Informatis im ersten Stadium erwischt, zeigt er auf ein Köfferchen mit einem Set Bits und einem Ratschenschraubenzieher darin. Da muss man zwar erst ein bisschen fummeln aber was soll’s. Etwas problematischer, aber auch noch akzeptabel, ist der Verweis auf einen Akkuschrauber. Der ist zwar tatsächlich deutlich schneller, aber Schrauben sind nicht selten schwer zu erreichen und da scheitert der klobige Akkuschrauber trotz all seiner Flexibilität und Geschwindigkeit. Aber so ein richtiger Vollblutinformatiker knallt einem einen Baumarkt vor die Nase. Nein – das reicht noch nicht. Die Beschilderung darin ist – falls vorhanden – auf klingonisch. Die Werbeplakate außen dran verlocken damit, dass man mit den Rohstoffen und Werkzeugen aus diesem Baumarkt mit zwei Klicks einen Mähdrescher bauen kann; oder ein Passagierflugzeug (ist für den Informatiker eh fast das Gleiche).

Gewöhnlich stehe ich in so einer Situation dann vor einem inneren Konflikt. Am liebsten würde ich versuchen, die Schraube mit dem Daumennagel anzuziehen. Aber ich möchte nicht, dass sich der Informatiker auf den Schlipps getreten fühlt. Ist es ein Open-Source-Baumarkt, lasse ich mich auch häufig durch das scheinbar günstige Preis-Leistungs-Verhältnis bestechen. Hin und wieder nehme ich also schluckend die Einladung an und mache mich auf den Weg in die düsteren Katakomben der Informatik. Zunächst fällt auf, dass man eine Leiter braucht, um die Waren überhaupt aus dem Regal zu bekommen. „Wie, hast du keine?“ erkundigt sich der Informatiker-Kollege, der einen freundlicherweise noch ein Stück begleitet. „Kannst dir hinten bei den Drölfkantflanschmuffen eine holen. Musste aber erst bei der Kasse registrieren und zusammenstecken, geht ganz schnell und unkompliziert.“ Gesagt, gequält, getan (ja, hier habe ich etwas gekürzt).

Von der schier unermesslichen und unbegreiflichen Flut an Dingen eingeschüchtert, sucht man zunächst eine Information, wo man von Fachleuten, aber auch von erfahrenen und weniger erfahrenen und weniger freundlichen Kunden beraten wird. Davor hängt allerdings ein dickes Buch mit allen Fragen, die je gestellt wurden und man soll es zunächst komplett lesen, damit auch ja keine Information doppelt herausgegeben wird. Dort liest man dann die Fragen der anderen: „Ich habe es geschafft, den Kernreaktor mit QIYAPBRNT (QIYAPBRNT Is Yet Another Pointlessly But Recursively Named Tool) zusammenzubauen und er produziert auch Strom, allerdings mit falscher Polarität. Woran liegt das?“ und die Antwort: „An einem Bug in der aktuellen pre-alpha release Version 0.4.832. Als Fix werden ab Version 0.4.833 die Kabel standardmäßig falschrum angeschlossen.“ Auf wievielen Leveln einen sowas verstört, brauche ich wohl nicht weiter auszuführen.

Nach einem Tag Hölle aus Folter und Verzweiflung hält man am Ende mit viel Glück etwas in der Hand, was mit Phantasie an ein Werkzeug erinnert. Natürlich ist es für Linuxhänder gemacht, lässt sich aber mit dem dazu fast passenden, zerbrechlichen Adapter auch von normalen Menschen bedienen. Und schon nach 17 Versuchen sitzt die Schraube 1A und der geschätzte Informatiker-Kollege erstrahlt mit stolzgeschwellter Brust, glücklich darüber, dass seine Wissenschaft wieder einmal das Leben eines Menschen vereinfacht hat.

Wie kann man sich nun aber vor sowas bewahren? Mit ein wenig Übung lassen sich solche Informatiker schnell identifizieren. Sie enthüllen ihre Identität durch das Verwenden der Worte „Framework“, „praktisch“, „unkompliziert“, „in Zukunft“ und dergleichen. Dann muss man nur noch dafür sorgen, dass sie niemals den eigenen Bildschirm zu Gesicht bekommen und dass man sie nie um Rat fragt. Hierbei muss man sich bewusst trainieren, ein „Wie kann ich’n gleich nochmal...“ rutscht schnell nebenbei raus.

In diesem Sinne grüße ich alle Ingenieure und Informatiker!